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Hippolais: Hände weg vom Ex

Ich hatte geschäftlich in Berlin zu tun. Doch die Zeiten gebieten Sparsamkeit.

So kam ich auf den Gedanken, alte Freunde und Bekannte zu befragen – ob sie mich für eine Woche aufnehmen könnten? Ich googelte. Und fand Rudolf wieder! Rudolf besitzt eine erfolgreiche Firma (HiFi-Elektronik). Ich erhoffte ein bequemes Gästezimmer in seinem Haus . Ich mailte eine liebenswerte Anfrage. Und er antwortete! Aber selbstverständlich könne ich kommen – er freue sich sehr, mich wieder zu sehen!

Rudolf war vor langer Zeit mal mein… hm, was denn nun?

Ihn als Liebhaber, Freund oder Lebensabschnittsgefährten zu bezeichnen, widerstrebt mir, denn ich nenne die Dinge gern beim wirklichen Namen. Rudolf war weder guter Freund noch glaubhafter Liebhaber. Als Lebensabschnittsgefährte mag er während unserer gemeinsamen drei Jahre irgendwie fungiert haben – allerdings ist mir die Erinnerung an diesen Lebensabschnitt fast völlig abhanden gekommen – wegen ständiger Einnahme starker Beruhigungsmittel und Anti-Depressiva.

Die deutsche Sprache, sonst voller Wortspiele und Beschreibungen, hat noch keinen passenden Ausdruck für diese Form menschlichen Zusammenseins gefunden. Als neue Ausdruck einer solchen Partnerschaft schlage ich vor: Purgartory Partner – eine elegante, bildhafte Alliteration. Auch in Zeiten akuter Wortkürzungen dem eher unbeholfenen ‚Lebensabschnittsgefährte’ (mit 24 Buchstaben) durch einen nur mit siebzehn Buchstaben perfekt dargestellten Zustand überlegen.

Mein Zweckoptimismus gaukelte mir bei dieser Reise – wie schon oft – Dinge vor. Nämlich dies: die weise, alte Zeit sei über einen abscheulichen Charakter hinweg geglitten, habe ihn geläutert und ihn zu einem glatten, edlen Kleinod geschliffen. Diese Vermutung zog ich aus einem charmanten Mailverkehr mit Rudolf, der meiner Reise voran gegangen war  – und dem optischen Konsum vieler USA-Liebesfilme, in denen sich das Leben genau so abspielt.

So hoffte ich, einen Mann zu treffen, der sein Bestes behalten hätte – gute Figur, gute Kleidung und der seine vielen schlechten Eigenschaften: Geiz, Boshaftigkeit, Egozentrik und Hang zur Promiskuität durch Güte, Weitblick und menschliche Reife ersetzt hätte.

Und richtig: Da federte er schon den Bahnsteig entlang. Meine erste Annahme war richtig gewesen : drahtiger V-Körper, wehender Kaschmirmantel, Boss-Anzug, Grainlederschuhe. Perfekt!

Spontan fand ich mich moppelig.

Und bekam das auch bald bestätigt: ‚Bist ganz schön rund geworden, wie?’ Und dann ging es weiter: ‚Beige ist ja was für Senioren, nicht? (Mein bester, teuerster Mantel!) Bist eigentlich zu alt für mich jetzt, hahaha!’ Und ‚Sag meinem Geschäftspartner bloß nicht, daß wir mal zusammen waren, Kleine!’ ‚Findest Du den Rock (PRADA; schwarz , kniebedeckend!) nicht zu kurz – bei Deinen Beinen?’ Und später:  ‚Wer kein Geld hat, darf auch nicht Essen gehen, oder? Kauf Dir ne’ Currywurst – ich jedenfalls hab kein Geld dabei!’

Wenn ich mit der Möglichkeit eines unverbindlichen Flirts gespielt hatte, (na gut, ich hatte) so war dieses erotische Fünkchen schon am zweiten Tag meines Aufenthalts zu einem federleichten Ascheflöckchen verkohlt. Es wurde im Luftstrom weiterer Gemeinheiten davon getragen.

Nur abends, nach Genuß edler Weine (die er mir nicht anbot, denn: ‚Du bist schon dick genug’) kam eine wundersame Wandlung über Rudolf. Seine Blicke, nun schon etwas verschwommen, saugten sich am oberen Drittel meiner – zugegebener Maßen recht ausgeprägten –  Figur fest und ja, gar kein Zweifel: er sabberte!

Da fiel mir  ein Gedicht von Heinrich Heine ein, der zwar für die Eleganz seiner Verse, aber nicht unbedingt für seinen liebevollen Umgang mit Frauen bekannt war:

Blamier mich nicht, mein liebes Kind,

Und grüß‘ mich nicht unter den Linden;

Wenn wir nachher zu Hause sind,

Wird sich schon Alles finden.

Es fand sich aber nicht. Oh nein, nicht mit mir! Zumindest nicht das, was  Heinrich damals eitel voraus gesetzt und Rudolf jetzt herbei gegiert hatte. Ich ertrug die Schmach äußerlich gefaßt. Innerlich allerdings brodelte ich wie Lava bei mindestens 1.000 Grad. Als ich meine Geschäfte in Berlin erledigt hatte, reiste ich ab: erschöpft und gefühlte hundert Jahre alt.

Aber ich lerne daraus: Ich habe angefangen, über jeden meiner Herren-Encounter (vulgo: Männerbekanntschaften) Protokolle zu schreiben: Charakterdarstellungen, Wohnungsbeschreibungen, Sprachschnitzer, modische Verfehlungen, etc.;  diese Protokolle sind so haarsträubend, so entblößend peinlich und komisch, daß mir beim Wieder-Lesen alles vergeht; Zu allererst aber der Wunsch, einen dieser ‚Herren’ jemals wieder zu treffen.

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